Warum Sie Inflation auf dem Schirm haben sollten

Warum Sie Inflation auf dem Schirm haben sollten

by Lukas China

Sie kennen bestimmt folgende Situation: Sie stehen im Ladengeschäft und ärgern sich, dass ihre Produkte und Lebensmittel schon wieder teurer geworden sind. Nebenbei hatten sie evtl. auch eine saftige Mieterhöhung vom Vermieter bekommen. Der Verbraucherpreisindex (VPI) vom statistischen Bundesamt erzählt uns jedoch, dass wir in den letzten 17 Jahren in Deutschland nur eine durchschnittliche Preissteigerung von ca. 1,4 % gehabt hätten. Er misst dabei die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte zu Konsumzwecken kaufen. Die gefühlten Preisanstiege ihrer Produkte und Dienstleistungen liegen jedoch wahrscheinlich deutlich höher. Wie passt dies zusammen? Dieser Frage wollen wir in diesem Artikel auf den Grund gehen.

Inflation bedeutet Geldentwertung. Sie findet dann statt, wenn Geldmenge und Geldumlauf im Verhältnis zu den hergestellten Gütern und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft stärker ansteigen. Je mehr Euros im Umlauf sind und so nachfragewirksam werden, desto mehr muss man für eine konstante Menge eines Produkts oder einer Dienstleistung zahlen. Die Auswirkung einer erhöhten Geldmenge ist also der Preisanstieg. Diese Gleichung findet sich auch in der Quantitätstheorie des Geldes wieder.

Daher macht es Sinn, die Veränderung der Geldmenge im Vergleich zur Veränderung der Waren und Dienstleistungen (Veränderung des Bruttoinlandsprodukts) in der folgenden Tabelle zu betrachten.

Jahr Geldmenge M3 Reales BIP DE Wahre Inflation VPI
2017 4,6 % 2,2 % 2,4 % 1,8 %
2016 5,0 % 1,9 % 3,1 % 0,5 %
2015 4,7 % 1,7 % 3,0 % 0,3 %
2014 3,9 % 1,9 % 2,0 % 0,9 %
2013 1,0 % 0,5 % 0,5 % 1,5 %
2012 3,6 % 0,5 % 3,1 % 2,0 %
2011 1,7 % 3,7 % – 2,0 % 2,1 %
2010 1,1 % 4,1 % – 3,0 % 1,1 %
2009 – 0,3 % – 5,6 % 5,3 % 0,3 %
2008 7,7 % 1,1 % 6,6 % 2,6 %
2007 11,6 % 3,3 % 8,3 % 2,3 %
2006 10,0 % 3,7 % 6,3 % 1,5 %
2005 7,3 % 0,7 % 6,4 % 1,6 %
2004 6,6 % 1,2 % 5,4 % 1,6 %
2003 7,2 % – 0,7 % 7,9 % 1,1 %
2002 7,0 % 0 % 7,0 % 1,4 %
2001 8,0 % 1,7 % 6,3 % 2,0 %
2000 4,1 % 3,0 % 1,1 % 1,4 %
Durchschnitt 5,3 % 1,4 % 3,9 % 1,4 %

Quelle: Bundesbank, EZB, Statistisches Bundesamt (Destatis)

Man kann erkennen, dass sich die Geldmenge im Zeitraum von 2000 bis 2017 deutlich stärker als die produzierten Waren und Dienstleistungen in Deutschland erhöht hat. Eine Annäherung an die wahre und gefühlte Inflation ist demnach der Unterschied zwischen beiden Veränderungsgrößen. In diesem Zeitraum ist die Geldmenge im Durchschnitt ca. 3,9 % stärker als die Waren und Dienstleistungen angestiegen.

Warum weicht also der VPI mit seinen Werten deutlich von der wahren Inflation ab und welches Interesse des Staates könnte hier dahinter stecken?

Die Geldmenge muss allerdings erst nachfragewirksam werden bzw. in Umlauf kommen, bevor sie sich in steigenden Preisen wiederfindet. Dies kann man derzeit vor allem an steigenden Vermögenspreisen (Aktien- und Immobilienmärkte) erkennen.

Eine plausible Absicht des Staates an einer höheren Inflation können wir eventuell an der folgenden Grafik erkennen.

 

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis)

Die Staatsverschuldung in Deutschland beträgt derzeit knapp über 2 Billionen Euro. Verpflichtungen aus künftigen Pensionsleistungen und Euro-Rettungspaketen (ESM) sowie Haftungsrisiken aus den EZB Staatsanleihenkäufen und Target 2 Salden sind hierbei nicht einmal berücksichtigt.

Man könnte anhand der Grafik meinen, dass die Staatsverschuldung in den letzten Jahren doch leicht rückläufig sei. Jedoch haben wir seit der Finanzmarktkrise 2008 starke konjunkturelle Jahre erlebt. Sobald die nächste Rezession kommt, wird sich dies wohl wieder umkehren.

Der Staat könnte im Zusammenspiel mit der Geldpolitik (wie unabhängig ist die Geldpolitik in der Praxis wirklich von der Fiskalpolitik?) seine Schuldenlast entweder durch eine Währungsreform oder durch Inflation drücken. Je höher die Inflation ist, desto weniger sind der Euro und damit auch die Schulden wert. Dies zeigt auch, warum Deflation (fallendes Preisniveau) neben negativen Auswirkungen für eine Volkswirtschaft (geringere Investitionen) erst recht ungewollt sein kann.

Mit nackten Zahlen kann man sich dies In der folgenden Tabelle vergegenwärtigen. Es werden die Auswirkungen einer jährlichen Inflation von 2, 4 und 6 % auf ein Anfangsvermögen von 100.000 € über 10 Jahre aufgeführt.

Jahr 2 % 4 % 6 %
0 100.000 100.000 100.000
1 98.039 96.154 94.340
2 96.117 92.456 89.000
3 94.232 88.900 83.962
4 92.385 85.480 79.209
5 90.573 82.193 74.726
6 88.797 79.031 70.496
7 87.056 75.992 66.506
8 85.349 73.069 62.741
9 83.676 70.259 59.190
10 82.035 67.556 55.839

Der Staat hat natürlich kein besonders großes Interesse daran, den Bürgern die Enteignung ihres Geldvermögens direkt vor Augen zu führen.

Daher schauen wir uns die Zusammensetzung und Berechnung des offiziellen Verbraucherpreisindexes (VPI) nun im Folgenden genauer an.

Bei der Berechnung des Verbraucherpreisindexes geht man von einem “Warenkorb” aus, der sämtliche von privaten Haushalten in Deutschland gekaufte Waren und Dienstleistungen repräsentiert. Werden nun in diesem Warenkorb, Nahrungsmittel und Wohnkosten geringer gewichtet und steigen diese höher als andere Produkte, dann liegen hier sehr schnell Verfälschungen vor. Vor allem Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen haben hierfür deutlich höhere Ausgaben, als sie im VPI gewichtet sind.

Eine Kugel Eis hat 1985 vielerorts 30 Pfennig gekostet. Heute sind es in den Großstädten schon 1,20 € (umgerechnet 2,35 DM). Dies entspricht einem prozentualen Preisanstieg von ca. 783 % und einem jährlichen durchschnittlichen Anstieg von ca. 6,44 %.

Dies betrifft aber nicht nur eine Kugel Eis, sondern die Preise sämtlicher Nahrungsmittel und alkoholfreier Getränke sind offiziell deutlich stärker in den letzten Jahren angestiegen als der gesamte VPI. Dies kann man aus folgender Grafik auf der Seite des Statistischen Bundesamtes entnehmen.

 

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis)

 

Demnach sind die Preise der Nahrungsmittel und Getränke in dem Warenkorb seit 2010 um ca. 17 % angestiegen, während der Gesamt-VPI sich nur um ca. 9 % erhöht hat.

Der berechnete Warenkorb wird ständig angepasst. Wenn bspw. Rindfleisch deutlich teurer geworden ist, kann es einfach durch billigeres Schweinefleisch ersetzt werden. Man geht dann wohl davon aus, dass der Deutsche nun lieber Schweinefleisch konsumiert, da es billiger als Rindfleisch sei. Eine sehr fragwürdige These.

Wenn ein Produkt bspw. ein Auto 10 % teurer geworden ist, könnte das Statistische Bundesamt dem Auto eine Qualitätssteigerung von 20 % unterstellen. Das Auto erscheint nun in dem Warenkorb nicht mit einer Verteuerung von 10 %, sondern einem deflationären Preisverfall von 10 %. Must be magic? No…it´s hedonic! Mit der hedonischen Preisberechnung wird der „Lustgewinn“ eines Produkts oder Dienstleistung mit berücksichtigt. Generell ist es nicht verkehrt den technischen Fortschritt einzupreisen, es fragt sich nur in welchem Maße. Andererseits werden allerdings Qualitätsverschlechterungen, wie bspw. die bewusste Reduktion der Lebensdauer von Geräten, nicht einbezogen.

Welche Auswirkungen eine solche „Flexibilität“ bei der Gewichtung, Zusammensetzung und Berechnung eines Warenkorbs haben kann, haben Statistiker von Shadowstats.com für die amerikanische Inflation nachberechnet. In den nachfolgenden beiden Grafiken wurde der Warenkorb für die Inflationsberechnung in den USA jeweils von 1980 und von 1990 bis heute mit der gleichen Gewichtung, Zusammensetzung und Berechnung von damals weiterfortgeführt. Die damalige Inflationsberechnung wurde dabei jeweils mit der heutigen offiziellen amerikanischen Inflation verglichen.

 

Quelle: www.shadowstats.com

 

Quelle: www.shadowstats.com

 

Die offizielle Inflationsrate würde ohne hedonischer Berechnungsmethode sowie gleichbleibender Gewichtungen und Zusammensetzungen des amerikanischen Warenkorbs wohl der wahren bzw. gefühlten Inflation entsprechen. Wenn die Berechnungsmethoden des Basisjahres 1980 oder 1990 weitergeführt werden würden, hätten wir offiziell deutlich höhere Inflationsraten, wie man den beiden Schaubildern entnehmen kann.

Im deutschen VPI kann man die hedonische Berechnungsmethode offiziell bspw. in der Sparte „Nachrichtenübermittlung“ auch sehr schön erkennen:

 

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis)

 

Seit 2010 sind die Preise für die Nachrichtenübermittlung (Geräte für die Kommunikation wie bspw. Telefone, Smartphones etc.) um über 10 % offiziell im VPI gefallen. Die neusten Smartphones haben sich wohl in den technischen Möglichkeiten verbessert, aber sie sind nicht günstiger geworden. Dennoch werden diese „Qualitätsverbesserungen“ wie Preisreduzierungen gehandhabt. Dies zieht natürlich den VPI nach unten und wirkt bspw. gegen steigende Nahrungsmittel entgegen. Die hedonische Bewertungsmethode kommt auch bei sämtlichen anderen elektronischen Geräten im VPI zum Vorschein.

Was kann man nun gegen hohe Inflationsraten unternehmen?

Generell können Unternehmen und der Staat die Löhne ihrer Angestellten der Inflation anpassen. Dies passiert je Stelle und Branche unterschiedlich.

Ferner ist eine höhere Inflation wegen der hohen Staatsverschuldungen vor allem in den Industrieländern gewünscht. Die Notenbanken können dabei die Geldmenge unbegrenzt vermehren, auch wenn sie auf dem Papier unabhängig von der Fiskalpolitik sein sollte. Diese Unabhängigkeit müsste man näher untersuchen.

Dennoch sollte man sich nicht von Geldwerten wie dem Euro oder anderen Währungen abhängig machen. Es ist am Ende nur „Papiergeld“ oder Sichtguthaben auf dem Girokonto. Die Werthaltigkeit dieser Währungen liegt dabei in dem Vertrauen an das Papiergeld als Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen sowie Vermögenswerte. Daher sollte man sein Portfolio auch mit Inflationsgeschützten Sachwerten wie bspw. Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Rohstoffen etc. diversifizieren.

Auf der Vermögensseite ist die erhöhte Geldmenge schon nachfragewirksam geworden und wir haben hier teilweise deutlich höhere Preisanstiege als auf der reinen Güter- und Dienstleistungsseite. Dies kann man vor allem an den steigenden Aktien- und Immobilienpreisen in den letzten Jahren erkennen.

 

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